MTV Blog Interview mit Midlake: “Kaffee ist geduldig, Musik auch”
Die Politik der kleinen Schritte: Für ihr drittes Album “The Courage Of Others” haben sich Midlake erstaunlich viel Zeit gelassen und erweiterten damit den eigenen Horizont – behutsam, denn falsche Entscheidungen können das Ende bedeuten, meinen Sänger Tim Smith und Gitarrist Eric Pulido und verziehen dabei keine Miene.
Immer wieder geschieht es, dass Musikjournalisten ihre persönlichen Jahres-Top Ten zusammenschrauben, lange Grübeln: wer berechtigterweise hineingehört, wer nicht – und manche Alben erst viel zu spät für sich entdecken, weil sie im ersten Moment nicht zünden. Midlakes 2006 veröffentlichter Longplayer “The Trails Of Van Occupanther” war so ein Fall: Schon lange fuhr keine Band im Folk-Genre oder anderswo solch fulminante, meist mehrstimmige Songs auf – zwischen beklemmender Akustikgitarre, himmlischen Arrangements und verkappten Blues-Anleihen brillierten fünf musikalische Backfische, die deutlich ihre Zähne zeigten.
“Danke für das Kompliment”, lächelt ein freundlich dreinblickender Tim Smith (Sänger und Gitarrist bei Midlake) und entschuldigt sich postwendend, dass er letztens in einem Magazin die Jahrespools der Presse für absurd erklärte, weil dort stets die alten Bekannten auftauchten – egal welchen Schund sie auch veröffentlichen. Wahre, wenn auch harte Worte, denn seine Band Midlake hätte längst den Thron im Singer/Songwriter-Gewerbe verdient, so toll geriet ihr 2004er Debüt “Bamnan And Silvercork”, als auch der bereits erwähnte Nachfolger.
Jetzt ist die Zeit für Album Nummer Drei “The Courage Of Others” gekommen und weil es der Mythos, dass die dritte immer die schwerste Platte sei, ungebrochen ist, geben wir die Frage doch gleich mal an Midlake weiter: Tim und sein Kollege Eric Pulido schauen sich im Büro ihres Labels verdutzt an – “Ich dachte, die zweite ist die schwere Hürde?”, kontert Tim, während sein Nachbar unterbricht, “nein, es ist die erste Platte und nichts anderes!”
Wenden wir uns an dieser Stelle lieber denwirklich wichtigen Themen zu – den neuen Beiträgen auf “The Courage Of The Others”: Nie zuvor gelang den US-Amerikanern aus dem verschlafenen Denton/Texas eine derart homogene Aneinanderreihung süchtig machender Songs und selten galt der Spruch “all killers, no fillers” mehr als hier – weil Tim Smith und seine Mannen die Unmöglichkeit vollbringen selbst einem lebensbejahenden Partyinstrument wie dem Keyboard ungefilterte Melancholie zu entlocken.
“Ich glaube nicht, dass die neue Platte so etwas wie einen bestimmten Stil verfolgt. Die eigentliche Stärke den Charakter nicht aus den Augen zu verliehen, ohne sich zu wiederholen”, schweift Eric ein wenig ab, denn eigentlich drehte sich die vorangegangene Frage um das Tourleben der Band und ob Midlake typische On-the-road-Songwriter sind. “Nein”, betonen sie mit dem Zusatz, dass erste Ideen durchaus zwischen Hotelzimmer und Soundcheck entstehen können.
Das große Plus dieser Comco ist jedoch die Tatsache, dass alle Mitglieder “North Texas School Of Music-Graduates” sind – nicht wegen des akademischen Grads, sondern aufgrund der langen Studienzeit, die sie miteinander verbrachten. “Für uns ist es trotzdem wichtig, regelmäßig Abstand zu gewinnen. Ich für meinen Teil habe eine eigene Kaffeefirma und beliefere inzwischen die halbe USA damit, das lenkt ab: Meine Rolle als Geschäftsmann”, verrät Eric und wundert sich, dass Midlake bereits zwei Tage in Deutschland Interviews geben, aber noch niemand nach seiner Firma fragte.
Parallelen gäbe es nämlich genug: “Einen guten Song schreiben, ist wie guten Kaffee zu rösten – das sollte nicht zu schnell gehen, sonst verschwindet das Aroma. Kaffee ist geduldig, Musik auch, weswegen ich die jeweiligen Pausen, die wir uns gönnen, für gut halte. Danach fühlt sich jeder bereit für neue Aufgaben. Ganz ehrlich: Man muss heutzutage nicht mehr jedes Jahr eine neue Platte herausbringen, die Dinger verkaufen sich eh schlecht.”
Ob sein darauf folgendes Grinsen zynischer Natur ist, lässt sich nicht sagen. Gut lachen haben Midlake so oder so: Bereits die letzte, knapp 18-monatige Welttournee war allerorten gut besucht und nun haben sie mit “The Courage Of Others” erneut einen tollen Longplayer im Gepäck. “Darum geht es am Ende, die Leute mit deiner Musik zu erreichen”, gibt sich Tim zum Abschluss unseres Gesprächs versöhnlich.
Im Gegenzug versprechen wir, dass uns in diesem Jahr nicht wieder der Fehler passiert, Midlake einfach unter den Tisch fallen zu lassen – “The Courage Of Others” hätte dieses Schicksal nicht verdient, sondern die Kehrseite: Auf den Olymp gehört diese famose Songsammlung.
Aktuelles Album: Midlake “The Courage Of Others” (Bella Union/Cooperative Music/Universal)
Midlake auf Tour:
03.02.10 Köln – Luxor
04.02.10 Hamburg – Knust
09.02.10 Berlin – Lido






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